Rassismus und Speziesismus

In seiner „Praktischen Ethik“ stellt Peter Singer einen interessanten Vergleich an, der einen großen Teil unserer alltäglichen Moralvorstellungen aus der Bahn wirft: „Dem Leben eines Wesens bloß deshalb den Vorzug zu geben, weil das Lebewesen unserer Spezies [Mensch] angehört, würde uns in dieselbe Position bringen wie die Rassisten, die denen den Vorzug geben, die zu ihrer Rasse gehören.“

Zunächst zum Rassismus: Rassisten wollen Rechte davon abhängig machen, welcher „Rasse“ (z.B. ethnischen Herkunft) man angehört. Warum ist Rassismus ethisch falsch? Singers Antwort lautet: Weil Rassismus gegen das Prinzip der Interessengleichheit verstößt.

Er meint damit folgendes: Damit Entscheidungen ethisch vertretbar sind, müssen sie unabhängig von meinem eigenen Standpunkt gelten können, also „universal“. Sonst würden diese Entscheidungen sich nur nach persönlichen Vorlieben richten. Moralische Entscheidungen sind aber dadurch gekennzeichnet, dass sie Andere berücksichtigen. Andere zu berücksichtigen aber heißt für Singer: Ihre Interessen zu berücksichtigen. Wenn Afrikaner und Europäer in wesentlichen Grundzügen dieselben Interessen haben – gemeint ist z.B.: Überleben, Freiheit von Schmerz -, dann ist es moralisch richtig, ihre Interessen im selben Ausmaß zu berücksichtigen. Nicht ihre Herkunft oder ihr Körperbau entscheidet über ihre Rechte, sondern allein ihre Interessen. Und deshalb ist Rassismus unmoralisch.

Nun zum nächsten Schritt: Tiere haben unbestreitbar viele Interessen, die Menschen auch haben – z.B. die eben genannten: Überleben und Freiheit von Schmerz. Wenn moralische Ansprüche aber durch Interessen begründet werden, dann haben Tiere moralische Ansprüche darauf, dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden. Singer folgert daraus: Wenn wir die Interessen von Tieren nicht ernst nehmen, tun wir als Menschen dasselbe, was Rassisten mit Angehörigen anderer Volksgruppen tun. Wir sind dann „Speziesisten“ und handeln aus demselben Grund unmoralisch, aus dem auch Rassisten unmoralisch handeln.

Ein Beispiel: Wenn wir Tiere schlachten, um Nahrung zu produzieren, stehen zwei Interessen gegeneinander: Tiere haben ein Interesse am Überleben. Wir haben lediglich ein Interesse am Fleischgeschmack – überleben könnten wir auch ohne Fleisch. Wenn Singer Recht hat, haben Fleischesser ein moralisches Problem. Denn sie müssen nun rechtfertigen, warum ihr Interesse am Fleischgeschmack schwerer wiegt als das Interesse der Tiere am Überleben. Wenn moralische Ansprüche nur auf Interessen basieren, wird diese Rechtfertigung aber sehr schwierig.

Möglicherweise gibt es tatsächlich eine moralische Rechtfertigung fürs Fleischessen – aber wer Fleisch konsumiert, ohne diese Rechtfertigung nennen zu können (und das betrifft sicher die allermeisten Fleischesser), der müsste nach Singers Argumentation aber eigentlich zugeben, dass er völlig unmoralisch handelt.

Ein Gedanke zu „Rassismus und Speziesismus

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