Was ist eine „gerechte“ Verteilung?

Wann ist eine Verteilung von Gütern „gerecht“? Beim Aufschneiden des Kuchens auf dem Kindergeburtstag gilt meistens: Gerecht ist es, wenn alle das Gleiche bzw. gleich viel bekommen. In der Schule gilt das Prinzip aber schon nicht mehr: Wenn immer alle dieselbe Note bekommen, dann gibt es nicht etwa mehr Gerechtigkeit, sondern einfach nur sinnlosere Notengebung. Ein anderes Gegenbeispiel ist die Verteilung von Medikamenten: Die Welt wird nicht gerechter, wenn alle dieselbe Menge Aspirin bekommen. Denn nicht alle haben dieselbe Krankheit. Manche haben gar keine Krankheit – ihnen trotzdem Medikamente zu geben, wäre ungerecht, da die Medikamente anderswo fehlen würden.

Wann eine Verteilung gerecht ist, hängt vor allem davon ab, welche Güter verteilt werden. Anhand der beiden eben genannten Beispielen kann man zwei typische Verteilungsregeln erklären, zwei Typen von „Verteilungsgerechtigkeit“, die in keiner politischen Diskussion fehlen.

1)     Leistungsgerechtigkeit

Folgt man dieser Regel, dann ist es gerecht, wenn die, die viel leisten, viel bekommen und die, die wenig leisten, wenig bekommen. Wenn ich alle Test-Aufgaben lösen kann, aber nur eine 5 bekomme, ist das ebenso „ungerecht“, wie wenn ich dieselbe 2 bekomme wie jemand,  der ein viel schwächeres Ergebnis liefert als ich.

Dass Leistung über Gerechtigkeit entscheiden kann, ist eine Intuition, die fast alle in irgendeiner Form teilen können. Selbst wenn man es ungerecht findet, dass der Manager im Vergleich zum Pförtner das hundertfache Gehalt bezieht, wird man es doch gerecht (oder „angemessen“) finden, wenn er zumindest mehr bekommt.

Einwände gegen das Prinzip „Leistungsgerechtigkeit“:

a)     Nicht alle können dasselbe leisten. Menschen mit Behinderung können bestimmte Dinge nicht leisten, die Menschen ohne Behinderung leisten können. Dann aber wäre es nicht gerecht, beide nach derselben „Leistung“ zu bezahlen (wenn mit „Leistung“ z.B. das Ergebnis einer Arbeitsstunde gemeint sein soll). Ähnliches gilt übrigens auch für die Verteilung von Talenten: Wenn Xaver gut programmieren kann, Paul dafür perfekt jongliert, wird Paul vermutlich weniger Geld mit seiner Begabung verdienen. Aber es ist nicht seine Schuld, dass er keine Affinität zum Programmieren hat und dass Jonglieren in unserer Gesellschaft weniger Geld bringt. Insofern ist es ungerecht, beide nach ihrer „Leistung“ zu bezahlen.

b)    Leistung ist nicht übersetzbar. Selbst wenn wir die Leistung zweier Stürmer im Fußball vergleichen könnten (und z.B. ihre Bezahlung danach ausrichten), ist es schwer, die Leistung des Fußballers gegen die Leistung einer Kindergärtnerin aufzurechnen. Denn was könnte hier die Umrechnungseinheit sein?

2)     Bedarfsgerechtigkeit

Laut diesem Ansatz ist es gerecht, wenn Menschen das bekommen, was sie brauchen. Allen dieselben Medikamente zu geben, wäre ungerecht, da nicht alle dieselben Medikamente benötigen. Dagegen ist es anscheinend „gerecht“, für den Krebspatienten mehr Geld auszugeben als für andere, da er eben mehr benötigt.

Vertreter dieses Ansatzes betonen meistens, dass es ungerecht ist, wenn Menschen nicht das bekommen, was sie brauchen, obwohl genug Ressourcen da wären. Die Orientierung am Bedarf setzt nicht zwingend eine Leistung voraus. Wenn wir es ungerecht finden, dass Menschen in armen Ländern hungern müssen, obwohl genug Nahrung da wäre, fällen wir dieses Urteil unabhängig davon, ob die Hungernden irgendetwas leisten (können).

Einwände gegen das Prinzip „Bedarfsgerechtigkeit“:

a)     Nicht alle haben denselben Bedarf. Monika ist glücklich in einer kleinen Wohnung, Patricia vielleicht erst in einer großen Villa. Ist es wirklich gerecht, wenn Patricia deswegen die Villa bekommt? Offenbar müsste erst jemand anderes erst entscheiden, was Patricia „wirklich“ braucht. Aber wer sollte diese Entscheidung treffen – und nach welchen Maßstäben? Offensichtlich setzt die Entscheidung bereits ein Konzept davon voraus, was ein „glückliches“ Leben ist. Die derzeitige Bundesregierung glaubt z.B., dass man 382 € braucht, um seinen Mindest-„Bedarf“ zu decken (Hartz IV Regelsatz). Aber warum 382 €? Warum nicht 482 €, 782 € oder jeder beliebige andere Betrag? Egal, wie man sich entscheidet: Die Entscheidung wird immer irgendwie willkürlich sein.

b)    Berechnungen nach Bedarf scheitern bei knappen Ressourcen. Angenommen, 2 Bauern „brauchen“ jeweils einen Mähdrescher, es gibt aber nur 1 Mähdrescher zum Verteilen. Der Bedarfs-Ansatz kann dieses Problem nicht lösen, denn er muss entweder keinem Bauern einen Mähdrescher geben oder jedem Bauern einen Halben – was effektiv aufs Selbe hinausläuft. Beide Lösungen wären sogar im Sinn der Bedarfsgerechtigkeit ungerecht, da ja genug vorhanden wäre, um zumindest einem zu helfen.

Fazit

Leistungsgerechtigkeit oder Bedarfsgerechtigkeit – für welchen der beiden Ansätze sollen wir uns entscheiden? Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Antwort einfach von den verteilten Gütern abhängt. Geht es um Noten, entscheiden wir uns für Leistungsgerechtigkeit; geht es um Medikamente, entscheiden wir uns für Bedarfsgerechtigkeit.

Leider ist dieser Kompromiss sehr begrenzt, weil es viele Güter gibt, auf die beide Theorien einen Anspruch erheben, z.B. Geld. Einerseits brauchen alle Geld, andererseits sieht es gerecht aus, wenn man sich Geld verdient. Die Entscheidung zwischen beiden Konzepten ist also weder in der Theorie, noch in der Praxis besonders einfach. Darum wird mein Blog dieser Frage in Zukunft in der neuen Kategorie „Gerechtigkeit“ nachgehen.

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