Warum gibt es Eigentum?

Der Häuptling, der Philosoph und der Tomatensaft

„Wie könnt Ihr den Himmel, die Wärme der Erde kaufen, oder verkaufen? Dieser Gedanke ist uns fremd. Uns gehört weder die frische Luft, noch das schillernde Wasser. Wie wollt ihr sie kaufen?“

Diese poetischen Worte werden dem Sioux-Häuptling Seattle zugeschrieben, dem der US-Präsident, der „große Häuptling in Washington“, vor eineinhalb Jahrhunderten Grund und Boden abkaufen wollte. Auch wenn Seattle diese Worte so wahrscheinlich nie gesagt hat, werfen sie ein interessantes Problem auf: Wie kommen Menschen überhaupt dazu, einen Teil der Natur als ihr Eigentum zu betrachten?

Tiere haben anscheinend kein Eigentum. Wenn sich ein Löwe die Gazelle „reißt“, wird sie zwar „sein“ Futter. Trotzdem würden wir kaum behaupten, der Löwe hätte in diesem Fall Eigentumsrechte erworben. Die (tote) Gazelle „gehört“ ihm nur genau solange, bis er vom nächsten Raubtier verjagt wird. In der sogenannten Zivilisation scheint das anders zu sein: Wenn ein Ding mein „Eigentum“ ist, habe ich ein Recht darauf, dass mir dieses Ding nicht ohne weiteres weggenommen wird. Aber woher kommt dieses Recht überhaupt? Was unterscheidet mich vom Raubtier aus dem eben gewählten Beispiel?

Für den englischen Philosophen John Locke (1632-1704) ist die menschliche Arbeit die Ursache von Eigentumsrechten. Wenn ich einen Acker bebaue, dann vermische ich die Natur – den Acker – mit etwas, das mir gehört, nämlich meiner Arbeitskraft. Der Weizen, der so entsteht, ist ein Ergebnis dieser Vermischung. Er entsteht aus etwas, das mir gehört, darum gehört er ebenfalls mir.

Ob Häuptling Seattle sich von Lockes Theorie überzeugen lassen würde, können wir ihn leider nicht mehr fragen. Er könnte allerdings auch Robert Nozicks Tomatensaft-Problem anführen:

„Wenn mir eine Dose Tomatensaft gehört und ich sie ins Meer ausgieße […], werde ich dann Eigentümer des Meeres oder habe ich meinen Tomatensaft vergeudet?“ (Nozick 2011, S.251)

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass die Mischung von „eigenem“ A und „nicht-eigenem“ B nicht ohne weiteres ein Eigentumsrecht an B begründet. Selbst wenn das Mischungsverhältnis anders herum wäre: Daraus, dass mir die ersten 99,99% gehören, kann ich wahrscheinlich nicht ohne weiteres ableiten, dass mir die letzten, „eingemischten“ 0,01% auch noch gehören.

John Locke kann dieses Problem letztendlich nur religiös lösen: Wenn die Naturdinge von Gott zur Verfügung gestellt werden, dann kann Gott auch verfügen, dass man sich Dinge durch eigene Arbeitskraft aneignen kann. Locke bezieht sich hier auf den Schöpfungsbericht der Bibel, in dem Gott dem Menschen den Acker gibt, um ihn zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15). Diese Begründung „zieht“ aber nur bei Leuten, die an denselben Gott glauben – Häuptling Seattle würde ihr möglicherweise ebenso misstrauen wie dem Kaufangebot des weißen Häuptlings aus Washington.

 

John Locke, Zwei Abhandlungen über die menschliche Regierung, Frankfurt a.M. 1977

Robert Nozick, Anarchie Staat Utopia, München 2011

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