„Höhere Freuden“ – Das Wildschwein und ich

Was ist wichtig im Leben? Die Antwort hängt sehr davon ab, wen ich frage: Manche Leute wollen viel Zeit mit ihrer Familie verbringen, andere kaufen sich gerne luxuriöse Autos und wieder andere sind schon mit einem deftigen All-you-can-eat-Buffet zufrieden. Zur letzten Kategorie gehört z.B. das Wildschwein: Ausreichend Essen und ein Schlafplatz machen das Wildschwein glücklich.wildschwein

Aber was ist nun „besser“: Buffet oder BMW? John Stuart Mill hatte eine klare Position zu dieser Frage. Seiner Auffassung nach gibt es „höhere“ und „niedrigere“ Freuden im Leben. Wo hier oben und unten ist, können nur „höher entwickelte Wesen“ beurteilen. Da das Wildschwein mit einem BMW vermutlich weniger anfangen kann als ich, bin ich in der glücklichen Expertenrolle. Unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich König; unter den Wildschweinen bin ich sozusagen der Restauranttester. 

Den Test gewinnen dabei immer diejenigen „Freuden“, die ein höher entwickeltes Wesen eher genießen kann als ein tiefer entwickeltes. Mill bringt es in folgenden berühmten Zeilen auf den Punkt:

„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“

Mill ist sich ziemlich sicher, dass die Menschen-Freuden den Schweine-Freuden himmelweit überlegen sind. Denn schließlich möchte niemand von uns mit dem Wildschwein tauschen, egal, wie glücklich und satt es vor sich hin grunzt. Folglich muss am BMW irgendwas dran sein, das schlicht „höher“ ist als das Buffet – egal, ob wir ihn wirklich besitzen oder nicht. Die Aussicht, den BMW lebenslang gegen das Buffet einzutauschen, ist scheinbar  zu viel für uns. 

Dieses Argument überzeugt aber nur auf den ersten Blick. Denn es könnte ja durchaus einen anderen Grund geben, aus dem wir nur ungern als Wildschwein weiterleben wollen. Hier ist meine These: Nach der Verwandlung ins Wildschwein bin ich einfach nicht mehr ich. Das Problem ist nicht, dass sich das Wildschwein nicht an sein Vorleben als Mensch erinnern kann (was  schlicht seine Vorstellungskraft übersteigt). Das Problem besteht vielmehr darin, dass ich so gut wie alle wichtigen Eigenschaften verliere, die mich zu der Person machen, die ich nun mal bin. Denn es geht hier um eine echte Verwandlung, nicht eine Verwandlung light à la Kafka, wo selbst das Ungeziefer noch denkt, spricht und Pläne schmiedet.

Durch die Verwandlung in ein echtes Wildschwein würde ich schlicht aufhören zu existieren. Diese Vorstellung ist mir einfach unbehaglich, ganz egal, wie glücklich das Wesen ist, das morgen an meiner Stelle existiert. Und wenn diese Erklärung zutrifft, ist Mills Beweis nicht mehr besonders stark.

Dem Wildschwein ist vermutlich auch diese Überlegung völlig egal. Denn um diese Uhrzeit wälzt es keine Probleme des Glücks-Begriffs. Es legt sich glücklich und zufrieden schlafen.

Ein Gedanke zu „„Höhere Freuden“ – Das Wildschwein und ich

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