Das Bedarfsproblem

Bedarfsgerechtigkeit eine Verteilung, die jedem so viel gibt, wie er / sie „braucht“. In der Gerechtigkeitstheorie konkurriert die Bedarfsgerechtigkeit mit der Leistungsgerechtigkeit, in der jeder bekommt, was ihm laut Leistung zusteht und der egalitären Verteilung, in der alle gleich viel bekommen.

Wie praxistauglich sind diese drei Prinzipien?

Der egalitäre Ansatz hat es am leichtesten, da er die Menge der zu verteilenden Güter nur durch die Menge der infrage kommenden Personen zu teilen braucht. Zwar kann es strittig sein, wie viele Güter tatsächlich zu verteilen sind (Bsp. Staatsverschuldung) oder wie viele Personen zu berücksichtigen sind (Bsp. Flüchtlingsproblem). Diese beiden Schwierigkeiten haben  aber letztendlich alle drei Verteilungsprinzipien.

Der Fall der Leistungsgerechtigkeit ist da schon etwas komplizierter. Denn um zu begründen, warum der Arzt mehr „verdient“ als die Krankenpflegerin, müsste man die Leistung beider Tätigkeiten in eine gemeinsame Umrechnungseinheit übersetzen. Erste Ideen hierzu liefert John Lockes  Begründung für die Erstaneignung von Naturgütern. Wenn ich im „wilden Westen“ Bäume fälle und Häuser daraus baue, habe ich laut Locke einen Anspruch auf genau so viele Häuser, wie ich gebaut habe, da in allen meine Arbeitskraft steckt. Wie dieser Gedanke aber anno 2015 zwischen dem Arzt und der Krankenschwester vermitteln kann, ist  eine schwierigere Frage. Vielleicht widme ich ihr später einen eigenen Blogeintrag.

Die Bedarfsgerechtigkeit hat allerdings notorische Schwierigkeiten mit der Berechnung konkreter Verteilungen. Denn um festzulegen, wie viele Güter jemand braucht, muss man zunächst erklären, wozu er/sie diese Güter braucht.

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte des Hartz-IV-Regelsatzes sehr erhellend. In den Siebzigern entschied das Bundesverfassungsgericht nämlich, dass zu einem „menschenwürdigen Leben“ nicht nur das nackte Überleben gehört (d.h. Essen, Trinken, ein warmer Schlafplatz), sondern auch ein „Mindestmaß an kultureller Teilhabe“. Denn wer seinen Wohnblock niemals verlassen kann, um Menschen außerhalb dieses Blocks zu treffen, führt – zugespitzt gesagt – ein ähnliches Leben wie die Legehenne. Dies sollten wir niemandem zumuten.

Die Annahme, dass dieses Leben nicht „menschenwürdig“ ist, kommt John Stuart Mills Auffassung sehr nahe, dass „höhere Freuden“ wie z.B. ein Kinobesuch nicht einfach durch eine höhere Menge an „niederen Freuden“ – z.B. Blumenkohl und Kartoffeln – kompensiert werden können. Im Leben muss doch mehr drin sein – zumindest im menschlichen Leben.

Genau auf dieser Ebene entsteht aber das entscheidende Problem. Am Leben der Anderen teilhaben zu können, bedeutet, dieselben Dinge tun zu können, zumindest ab und zu. Daher die Cafébesuche für 6 € pro Monat im Hartz-IV-Regelsatz. In dieser Logik gehört es zu meinem „Bedarf“, nicht zu weit hinter dem Lebensstandard der Anderen zu bleiben. Bloß: wie weit ist „zu weit“? Während sich der Preis für Blumenkohl, Kartoffeln und Wohnraum noch relativ genau abschätzen lässt, hängt die Rechnung für den sozialen Bedarf immer vom steigenden Lebensstandard Anderer ab. Es ist ein bekanntes menschliches Phänomen, dass wir haben möchten, was Andere haben. Aber Wollen und Brauchen ist nicht dasselbe. Dieser Bedarf ist letztlich unberechenbar.

Um zu bestimmen, wieviel ein Mensch „braucht“, ist offenbar eine Diskussion darüber nötig, was ein „gutes Leben“ ist. Diese Frage aus der antiken Philosophie hat die Neuzeit aufgegeben – niemand will anderen vorschreiben, was „gut“ für sie ist. Mir erscheint diese Haltung etwas vorschnell. Natürlich können wir das, was „gut“ für den einzelnen Menschen ist, nicht umfassend, detailliert und endgültig festlegen. Das bedeutet aber nicht, dass wir gar nichts darüber sagen können.

Wenn wir die Idee der Bedarfsgerechtigkeit ernst meinen, müssen wir die Frage nach dem guten Leben  wiederbeleben.  Ohne sie bleiben alle Regelsätze ein bloßes Zahlenspiel.