Vom hohen Wert der Talkshow

Der politischen Talkshow kann man wirklich viel vorwerfen: Sie führt die immer selben Gäste vor, die sich die immer selben Sprüche um die Ohren hauen. Wirklich informativ ist sie nicht: Prinzipiell kann jeder dort alles behaupten. Fakten stören eher und werden notfalls in den anschließenden Faktencheck verfrachtet, den sowieso kaum jemand liest.

Die gewöhnliche Talkshow gleicht einem Verkehrsunfall: Gute Gründe, nicht hinzusehen, sind bekannt, doch wegsehen kann auch niemand wirklich. Warum eigentlich?

Die Talkshow bietet eine breite Plattform für Meinungen und Diskussionen. Trotzdem wird kaum wirklich „diskutiert“: Niemand definiert Begriffe, niemand analysiert Argumente, niemand wägt Aspekte differenziert gegeneinander ab. Dafür fehlt schlicht die Redezeit, die sich im Verlauf der Sendung normalerweise auf wenige Sätze begrenzt. Genauso wenig bildet die Talkshow Meinungen. Wer hat jemals als Talkshow-Zuschauer (geschweige denn -teilnehmer) seine Meinung geändert?

Und genau deswegen ist die Talkshow wertvoll.

Sie ist das Forum, in dem sich unsere Haltungen in Personen manifestieren und in die Arena geschickt werden. Der Zuschauer darf das Gefühl haben: Auch meine Meinung wird vertreten, auch sie wird gehört. Und sie muss eben nicht weichen, keinen Zentimeter.

Der Zuschauer lebt vom befreienden „endlich-sagt’s-mal-jemand“-Augenblick.  Der Liberale und der Sozialist finden einen gemeinsamen Nenner: Beide verlassen die Zeremonie  im selben Glauben, dass die Gegenseite es hier mal wieder so richtig abgekriegt hat. Keiner muss sich vom „System“ verraten und ausgegrenzt fühlen, alle dürfen mitspielen.

Natürlich reden alle aneinander vorbei, keine Frage. Aber genau deswegen stiftet die Talkshow gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Link zum Thema: WDR 5 Funkhaus Wallrafplatz, Sendung vom 3.1.2015, Thema: Politische Talkshows: Die Rolle der Zuschauer  

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