Dynamit auf der Insel

Gedankenexperiment: Zehn Leute stranden auf einer einsamen Insel und besitzen zusammen eine große Kiste Proviant. In der Kiste ist aber sehr Verschiedenes: leicht verderbliche Lebensmittel, haltbare Lebensmittel, Töpfe, Werkzeuge, Zigaretten, Spielzeugautos, Zeitschriften… und eine Stange Dynamit. Manche Güter sind lebenswichtig, andere völlig nutzlos. Daher kann man sich nicht auf eine einheitliche Verteilung einigen. Alle sind sich einig, dass jeder „das Gleiche“ bekommen sollte, das  gelingt aber nicht, da die Güter zu verschieden sind. Streit und Zwietracht brechen aus.bomb-157150_1280

 

 
Stellen wir uns nun ein Gruppenmitglied vor, das zur Radikallösung greift: Er nimmt das Dynamit und sprengt die ganze Kiste in die Luft. Seine Begründung: „Nun hat niemand mehr etwas, also haben alle gleich viel. Nun ist die Verteilung gerecht.“

Dieses Gedankenspiel soll den Leser nicht nur davor warnen, die Inselexperimente, die die Staatstheorie regelmäßig bemüht, in die Tat umzusetzen: Wahrscheinlich dreht man auf einsamen Inseln irgendwann durch. Es geht vielmehr um ein Grundproblem der egalitären Verteilung, die annimmt, dass Verteilungen gerecht sind, wenn alle gleich viel bekommen. Diese Forderung sagt nämlich nichts darüber aus, wieviel das wert ist, was die Einzelnen bekommen.

Die Dynamit-Lösung fühlt sich ungerecht an, obwohl sie egalitär ist. Denn es hätte ja für alle die realistische Möglichkeit bestanden, mehr zu bekommen als nichts. Die Verteilung kann himmelschreiend ungleich sein: Wenn ich irgendetwas bekomme, bin ich immer noch besser dran, als wenn ich nichts bekomme.

Wenn wir nach der Gerechtigkeit einer Verteilung fragen, versuchen wir meistens, unsere eigenen Anteile mit denen der Anderen zu vergleichen. Das ist sicher kein ganz verfehlter Ansatz, er ist aber auch nicht vollständig, nicht „hinreichend“. Ich muss mich nicht nur mit Anderen vergleichen, sondern vor allem auch mit mir selbst in einer anderen möglichen Welt.

Es geht also nicht nur darum, was die Anderen im Vergleich zu mir bekommen, sondern auch darum, was ich hätte bekommen können, wenn die Verteilung anders gewesen wäre. Da diese Frage aber im Gegensatz zum egalitären Ansatz nicht ausschließlich von den aktuellen Anteilen der Anderen abhängt, kann Gerechtigkeit keine ausschließlich egalitäre Angelegenheit sein.

Ein Gedanke zu „Dynamit auf der Insel

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